Auswanderung nach Griechenland
Ein neues Leben zwischen Olivenhainen
Wer – Marc, 47 Jahre
Wohnort – Koroni (Peloponnes), Griechenland
In Koroni aktiv seit – 2013
Früherer Beruf – Bauleiter
Neuer Beruf – Olivenbauer
Ein unverhoffter Neustart
Eigentlich hatte Marc gar nicht vor, auszuwandern. Er reiste ursprünglich auf Bitte einer Bekannten nach Griechenland, um dort mit seiner Bauleiter-Expertise eine Immobilie für sie zu bewerten. Während seines Aufenthalts vor Ort fing er jedoch an, über sein Leben nachzudenken und ihm wurde klar, dass er in Deutschland gut verdiente, aber dass die Arbeit gleichzeitig zum Mittelpunkt seines Lebens geworden war. Zu dem Zeitpunkt hatte er zwar noch keine Familie, doch Marc realisierte, dass er diese mit seinem derzeitigen Lebensstil ohnehin kaum sehen würde.
Als sich seine Bekannte letztlich dafür entschied, das von ihm begutachtete Haus zu kaufen, traf auch Marc eine Entscheidung: Er würde erstmal dort wohnen und die Umbaumaßnahmen vor Ort leiten. Und so begann der Anfang eines ganz neuen Lebens.
Umzug ohne Visum, aber nicht ganz ohne Bürokratie
Als EU-Bürger hatte Marc keine Probleme bezüglich der Einreise oder einem längeren Aufenthalt. Lediglich die gelbe Aufenthaltskarte musste er nach drei Monaten Aufenthalt beantragen. Mit dieser wiederum war die Beantragung der griechischen Steuernummer möglich, die für nahezu alle organisatorischen Dinge notwendig ist.
Heute lebt Marc auf der griechischen Halbinsel Peloponnes im Süden Griechenlands, im kleinen Örtchen Koroni. Dort bewirtschaftet er gemeinsam mit seiner Frau mehrere Olivenhaine und vertreibt das selbst hergestellte Olivenöl unter dem Namen Taste of Koroni.
Marc mit seiner Familie
Vom Bauleiter zum Olivenbauer: Marc berichtet von seiner Auswanderung
Wie haben Sie die Ankunft im neuen Land erlebt und wie waren die ersten Eindrücke?
„Die ersten Eindrücke waren für mich erst einmal gar nicht richtig real, weil ich selbst kaum glauben konnte, dass ich nun wirklich in einem anderen Land leben möchte. Die Menschen waren von Anfang an sehr freundlich, allerdings konnte ich aufgrund meiner Sprachbarriere nicht einmal wirklich Small Talk führen.
Durch Zufall erfuhr ich von einer Surfschule, die von einem Deutschen geleitet wurde. Dort hatte ich dann erst einmal eine Anlaufstelle und bekam einige wichtige Informationen darüber, wie hier vieles abläuft. Ab diesem Zeitpunkt fühlte ich mich deutlich sicherer.
Generell fühlte ich mich hier sofort freier und es ist ein komplett anderes Lebensgefühl als in Deutschland. Die Menschen hier haben oft nicht viel, sind aber trotzdem zufrieden mit dem, was sie haben.“
Welche Herausforderungen oder Schwierigkeiten sind Ihnen anfangs begegnet?
„Die sprachliche Barriere war sicherlich die größte Herausforderung. Ich tat mich wahnsinnig schwer damit, mir sowohl Griechisch als auch einigermaßen Englisch anzueignen. Nach ein paar Wochen Aufenthalt lernte ich dann meine heutige Frau kennen. Sie ist Griechin und konnte sehr gut Englisch sprechen, wodurch ich natürlich noch mehr Motivation hatte, die Sprache zu lernen :-)
Sie hat mich dann auch bei Behördengängen und organisatorischen Dingen unterstützt. Dadurch war die Bürokratie für mich persönlich eigentlich nicht so schwer. Insgesamt muss man aber sagen, dass vieles hier nicht unbedingt komplizierter ist als in Deutschland. Behördengänge sind oft schneller erledigt und meist mit weniger Wartezeiten verbunden. Allerdings kommt es hier häufiger vor, dass man bei unterschiedlichen Sachbearbeitern teilweise andere Unterlagen für das gleiche Thema einreichen muss. Das war und ist manchmal schon ein bisschen nervig.“
Wie sieht Ihr Alltag heute aus?
„Beruflich Fuß gefasst habe ich eigentlich Schritt für Schritt. Durch meinen Hintergrund als Bauleiter konnte ich anfangs Umbaumaßnahmen begleiten und mich generell im Bereich Bau und Handwerk einbringen. Mit der Zeit entstand dann gemeinsam mit meiner Frau unser eigenes Olivenöl-Projekt.
Da meine Frau aus Griechenland kommt und ihre Familie bereits Olivenhaine bewirtschaftete, bin ich immer tiefer in die Landwirtschaft und insbesondere in den Olivenanbau hineingewachsen. Heute verbindet sich dadurch vieles aus meinem früheren Berufsleben mit unserem heutigen Alltag hier in Griechenland.“
„Interessant finde ich, wie unterschiedlich Menschen mit wenig Besitz oder einfacheren Lebensumständen umgehen. Hier in Griechenland habe ich oft das Gefühl, dass viele Menschen trotz weniger materieller Dinge zufriedener wirken als in Deutschland.“ |
Marc beschneidet einen Olivenbaum
Wie erleben Sie Ihre (finanzielle) Situation heute im Vergleich zu vor der Auswanderung?
„Finanziell verdiene ich heute sicherlich weniger als früher in Deutschland als Bauleiter. Trotzdem würde ich sagen, dass sich meine Lebensqualität deutlich verbessert hat. Früher hatte ich zwar ein hohes Einkommen, aber kaum Zeit.
Heute leben wir bewusster und einfacher, dafür aber deutlich freier. Viele Dinge, die in Deutschland Geld kosten würden, gehören hier einfach zum Alltag, wie eigenes Gemüse, Olivenöl, Meer oder generell das Leben in und mit der Natur. Natürlich muss man auch hier arbeiten, aber insgesamt bin ich deutlich zufriedener mit meinem heutigen Leben.“
Wie würden Sie Ihre soziale, sprachliche & kulturelle Integration beschreiben?
„Ich habe mich hier von Anfang an mit den Einheimischen eingelassen und versucht, mich mit Händen und Füßen im Kafenion (Männercafe) zu unterhalten, insbesondere über die prägenden Themen hier wie Landwirtschaft, Bau oder Fischfang, welche mich alle drei sehr interessieren. Sprachlich ist es nach wie vor so, dass ich zwar im Alltag auf Griechisch zurechtkomme, aber eben auch nicht viel mehr. Trotzdem würde ich sagen, dass ich hier mittlerweile sehr gut integriert bin. Auch entwickeln sich immer mal wieder Kontakte mit Eltern von Schulfreunden von meinem Sohn.“
Was gefällt Ihnen besonders gut an Ihrem neuen Leben?
„Besonders gut gefällt mir die Freiheit und das deutlich entschleunigtere Leben hier. In Deutschland bestand mein Alltag eigentlich fast nur aus Stress. Hier habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass Arbeit, Familie und Freizeit deutlich besser miteinander vereinbar sind.
Ich genieße es auch, keine direkten Nachbarn um mich herum zu haben und nicht ständig das Gefühl zu haben, dass einem jemand über die Schulter schaut oder alles reglementiert wird. Für mich ist hier im Grunde jeder Tag gleich, egal welcher Wochentag gerade ist. Ich kann heute in die Olivenhaine gehen oder eben erst morgen.
Außerdem mag ich die Mentalität der Menschen. Viele haben hier zwar nicht viel, sind aber trotzdem zufrieden mit dem, was sie haben und verbringen mehr Zeit miteinander. Das Leben findet viel mehr draußen und gemeinsam statt.
Sicherlich ist der Sommer hier auch eine Herausforderung, besonders wegen der Hitze. Dadurch verändert sich der komplette Tagesablauf und das Leben beginnt im Sommer oft erst abends gegen 18 Uhr richtig.“
Was betrachten Sie rückblickend als Ihre größten Erfolge?
„Rückblickend ist mein größter Erfolg sicherlich, dass ich mich getraut habe, diesen Schritt überhaupt zu gehen, obwohl eigentlich nichts wirklich geplant war. Dadurch hat sich mein komplettes Leben verändert.
Besonders positiv ist für mich heute, dass ich gemeinsam mit meiner Frau unser eigenes Leben hier aufgebaut habe, mitten in den Olivenhainen lebe und meinen Sohn aufwachsen sehen kann. Genau diese Zeit mit der Familie hätte ich in meinem früheren Leben in Deutschland wahrscheinlich so nie gehabt.
Außerdem bin ich stolz darauf, dass ich mich trotz der sprachlichen Barrieren und der komplett neuen Umgebung hier integriert habe und heute sagen kann, dass Griechenland für mich wirklich Heimat geworden ist.“
Die familieneigenen Olivenhaine in Koroni
Von Reue keine Spur – Marc würde alles genau so wieder machen
Trotz der harten körperlichen Arbeit während der Olivenernte könnte sich Marc heute nichts vorstellen, was er lieber machen würde. Die Auswanderung hat er nie bereut und würde rückblickend alles genauso noch einmal machen. Nach Deutschland zurückzukehren, ist für ihn keine Option; dafür hat er sich mittlerweile zu viel aufgebaut in Griechenland: Familie, Haus, Olivenhaine und generell das gemeinsame Leben vor Ort. Zwar vermisse er auch mal das schwäbische Essen und natürlich seine Freunde – die kommen inzwischen aber auch gerne zu Besuch nach Griechenland.
Marcs Tipps für angehende Auswanderer
„Man sollte sich bewusst machen, dass Auswandern kein dauerhafter Urlaub ist, wobei ich dieses unwirkliche Gefühl selbst bestimmt die ersten drei Jahre hatte. Auch hier gibt es Probleme, Stress, harte Arbeit und Zeiten, in denen nicht alles so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat. Gerade am Anfang braucht man Geduld und sollte versuchen, die Mentalität und Kultur des Landes anzunehmen. Wenn man aufhört, sich über viele Dinge ständig aufzuregen, geht es einem meiner Meinung nach deutlich besser. Deutschland ist weit weg und hier ist Griechenland.“
Zudem würde er immer empfehlen, ein finanzielles Polster aufzubauen und weder komplett planlos noch zu verplant auszuwandern. Und ganz wichtig: Man solle versuchen, mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen – denn genau dadurch lerne man das Land erst richtig kennen und es entwickelten sich immer neue Dinge.
Wenn sich im Leben Chancen böten, müsse man diese auch einfach mal ergreifen – auch wenn man zunächst nicht wisse, wohin diese Reise am Ende führt. Für Marc ist diese Strategie aufgegangen: Er liebt sein neues Leben und sieht seine Zukunft ganz klar in Koroni, inmitten seiner Olivenhaine.
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