Auswanderung in die USA

Selbstständig im „Big Apple“

Wer – Liesa Witt (38), ausgewandert im Alter von 35 Jahren

Ausgewandert aus – Großburgwedel, Deutschland

Ausgewandert nach – Brooklyn, New York City, USA

Zeitpunkt der Auswanderung – Juli 2023

Frühe berufliche Tätigkeit – Implementation Project Manager

Heutiger Beruf – Selbstständige Unternehmensberaterin (Principal Consultant), Gründerin von Witt Collective

Aus spontaner Neugier wurde eine Auswanderung

Seit Juli 2023 lebt Liesa Witt den Auswanderertraum schlechthin: Sie wohnt mitten in New York City. Für sie war es nicht der erste internationale Umzug, denn sie hat zuvor bereits in den Niederlanden, Spanien und dem UK gewohnt. Dass sie irgendwann ausgerechnet in die USA auswandern würde, hätte sich Liesa nie träumen lassen. Eigentlich war die Karibik immer ihr Ziel.

Nachdem sie jedoch in London einen New Yorker kennengelernt hatte, wurde sie neugierig auf die Stadt. Sie entschied sich, die Stadt für einen Monat zu besuchen – letztendlich wurden aus dem einen Monat drei und es fiel die Entscheidung, nach NYC zu ziehen.

„Schon in den ersten Tagen hatte ich das Gefühl, endlich angekommen zu sein.“

Liesa setzte sich intensiv mit den verschiedenen Visamöglichkeiten auseinander und bereitete gemeinsam mit einem Anwalt alles vor. Sie beantragte Investorenvisum E-2, mit dem sie auch jetzt noch in den USA lebt. Das E-2 Visum ist ein Investorenvisum, das Staatsbürgern von Ländern mit einem Handelsabkommen (wie Deutschland) erlaubt, in den USA zu leben und zu arbeiten.

Neues Leben als Unternehmensgründerin: Liesa berichtet von ihrem Alltag in New York City

Mit welchen Erwartungen sind Sie ausgewandert?

„Ich bin mit der Erwartung ausgewandert, mir beruflich und persönlich etwas Eigenes aufzubauen, das zu mir und meinem Lebensstil passt. Ich wollte die Chancen nutzen, die nicht nur der US-Markt bietet, sondern besonders die Möglichkeiten, die NYC einem bietet. Gleichzeitig war mir bewusst, dass der Weg nicht einfach und zum Teil auch sehr einsam werden würde.“

Wie haben Sie die Ankunft im neuen Land erlebt und wie waren die ersten Eindrücke?

„Die Ankunft mit meinem Visum in der Hand war überwältigend und zugleich unglaublich aufregend. New York hatte mich schon am ersten Tag mit seiner Energie in den Bann gezogen. Zu wissen, dass ich nun hier bin, um zu bleiben, fühlte sich noch einmal ganz anders an.
Gleichzeitig wurde mir schnell bewusst, dass ich mir hier alles neu aufbauen musste: einen Freundeskreis, ein berufliches Netzwerk und vor allem möglichst schnell meinen ersten Kunden gewinnen musste. Denn das Leben in New York ist teuer und der finanzielle Druck von Anfang an spürbar.“

Wie schnell haben Sie eine Wohnung gefunden?

„Ich hatte bereits eine Wohnung gefunden, bevor mein Visum genehmigt wurde, da ich mich zu diesem Zeitpunkt schon als Touristin in den USA aufhielt. Die Wohnungssuche war dennoch alles andere als einfach: Ohne US-Kredithistorie, ohne etabliertes Einkommen in den USA, ohne Bürgen und mit begrenzten finanziellen Rücklagen waren viele Optionen von vornherein ausgeschlossen. Schließlich fand ich über eine private Zwischenmiete eine Unterkunft und lebe dort bis heute.“

Wie haben Sie beruflich Fuß gefasst?

„Beruflich habe ich Schritt für Schritt Fuß gefasst und bin immer noch dabei. Da ich selbstständig bin, führte mein Weg nicht über eine klassische Festanstellung, sondern über den Aufbau meines eigenen Unternehmens. Durch mein bestehendes Netzwerk habe ich meinen ersten Auftrag bekommen und konnte eine längere Geschäftsbeziehung aufbauen. Der Prozess war und ist definitiv nicht immer einfach, da die Auftragslage schwankt und es Phasen mit finanzieller Unsicherheit gibt.“

Welche Herausforderungen oder Schwierigkeiten sind Ihnen anfangs begegnet?

„Die größte Herausforderung war tatsächlich das Thema Entrepreneurship und Einsamkeit. Gerade in einer Millionenstadt wie New York wird Einsamkeit oft unterschätzt. Hinzu kam die ständige Unsicherheit, wenn kein Einkommen hereinkommt, denn hier hat man als Unternehmer keinen staatlichen Support.
Auch die steuerliche und unternehmerische Bürokratie war anfangs etwas komplex. Mit der richtigen Unterstützung ist sie jedoch gut zu bewältigen. Der finanzielle Druck durch die hohen Lebenshaltungskosten war von Beginn an spürbar und hat viele meiner Entscheidungen beeinflusst.
Positiv überrascht hat mich, wie hilfsbereit und freundlich die Mitarbeitenden in den Behörden und Verwaltungen waren als auch die New Yorker selbst.“

 

Wie sieht Ihr Alltag heute aus?

„Unter der Woche und wenn notwendig am Wochenende arbeite ich mit Kunden oder an meinem Business. In den letzten Jahren habe ich wenig Zeit mit Freunden verbracht und bin in diesem Jahr mehr darauf fokussiert mein Netzwerk zu pflegen. 
Da ich selbstständig bin, ist kein Tag wie der andere, da ich Phasen habe in denen ich viel zu tun habe und dann wieder welche in denen ich mehr Freizeit habe und reisen kann. Unter der Woche gehe ich sehr gerne zu Galerie-Eröffnungen und am Wochenende, wenn es das Wetter erlaubt, bin ich gerne in Parks oder entdecke neue Ecken in NYC. Ich bin auch gerne sportlich aktiv und gehe laufen, schwimmen und mache Pole Dance.“

Wie erleben Sie Ihre (finanzielle) Situation heute im Vergleich zu vor der Auswanderung?

„Heute bin ich in einer wesentlich besseren finanziellen Situation als damals, als ich in Deutschland oder in anderen Ländern gelebt habe. Es ist mir gelungen, mir eine gewisse finanzielle Sicherheit aufzubauen. Dadurch kann ich inzwischen auch längere Phasen ohne neue Aufträge gut überbrücken.“

Wie würden Sie Ihre soziale, sprachliche & kulturelle Integration beschreiben?

„Meine soziale, sprachliche und kulturelle Integration würde ich als sehr gut beschreiben. NYC ist ein echter Melting Pot, in dem Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, Kulturen und Lebenswelten zusammenkommen. Gerade diese Vielfalt hat es mir erleichtert, meinen eigenen Platz zu finden. Durch meine Arbeit, mein berufliches Netzwerk und meine Freizeitaktivitäten habe ich viele Menschen kennengelernt.
Sprachlich fühle ich mich sicher und kann mich sowohl im Alltag als auch im beruflichen Umfeld problemlos auf Englisch verständigen.
Auch kulturell habe ich mich inzwischen gut angepasst, vielleicht sogar ein bisschen zu gut: Seit meinem Umzug habe ich zugenommen. Man könnte also mit einem Augenzwinkern sagen, dass ich mittlerweile ziemlich amerikanisiert bin.“

Was gefällt Ihnen besonders gut an Ihrem neuen Leben?

„Besonders gut gefällt mir die Freiheit, mein Leben und meinen Arbeitsalltag selbst gestalten zu können. Als Selbstständige gleicht kein Tag dem anderen. Ich arbeite mit unterschiedlichen Menschen, kann meine eigenen Ideen verwirklichen und in ruhigeren Phasen reisen.
Außerdem liebe ich die Vielfalt und Energie von New York. Ich habe zum ersten Mal das Gefühl angekommen zu sein und mein Leben so zu gestalten, wie es zu mir passt.“

Vermissen Sie Deutschland?

„Deutschland als Land vermisse ich nicht unbedingt, aber bestimmte Aspekte schon. Dazu gehören vor allem meine Familie, dann die hohe Qualität und die große Auswahl an Lebensmitteln. Außerdem vermisse ich die günstigeren Preise für Haushaltsprodukte und Dinge des täglichen Bedarfs.“

Was betrachten Sie rückblickend als Ihre größten Erfolge?

„Als meinen größten Erfolg betrachte ich, dass ich innerhalb von nur sechs Monaten aus dem Wunsch „Ich möchte in New York leben und arbeiten“ Realität gemacht habe. Mit begrenzten finanziellen Mitteln habe ich mir dort ein neues Leben aufgebaut, eine Firma gegründet und ein Visum erhalten. Trotz finanzieller Unsicherheit, hoher Lebenshaltungskosten und Phasen der Einsamkeit ist es mir gelungen, hier Fuß zu fassen.
Zudem habe ich mich persönlich weiterentwickelt. Ich bin selbstständiger, widerstandsfähiger und offener geworden. Durch das Leben hier habe ich Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen kennengelernt und viele neue Perspektiven gewonnen. Rückblickend bin ich vor allem stolz darauf, meinen eigenen Weg gegangen zu sein und auch in schwierigen Phasen nicht aufgegeben zu haben.“

Haben sich Ihre anfänglichen Erwartungen und Hoffnungen erfüllt?

Meine anfänglichen Erwartungen und Hoffnungen haben sich größtenteils erfüllt und zum Tiel sogar übertroffen. Mein wichtigstes Ziel war es, in NYC zu leben und zu arbeiten. Innerhalb kurzer Zeit ist es mir gelungen.
Unterschätzt habe ich die Einsamkeit, die mit der Selbstständigkeit verbunden ist, sowie den finanziellen Druck. Auch die schwankende Auftragslage und die fehlende staatliche Absicherung waren herausfordernder als erwartet. Trotzdem würde ich sagen, dass sich meine Hoffnungen erfüllt haben. Der Weg ist anspruchsvoller und lehrreicher, als ich es mir zu Beginn vorgestellt hatte.“

 

„Ich bin selbstständiger, widerstandsfähiger und offener geworden. Durch das Leben hier habe ich Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen kennengelernt und viele neue Perspektiven gewonnen. Rückblickend bin ich vor allem stolz darauf, meinen eigenen Weg gegangen zu sein und auch in schwierigen Phasen nicht aufgegeben zu haben.“

Rückblick: Was Liesa heute anders machen würde – und was Sie angehenden Auswanderern rät

Wenn Liesa auf die vergangenen Jahre schaut, fallen ihr einige Dinge ein, die sie mit ihrem heutigen Wissen anders angehen würde: „Rückblickend würde ich früher damit beginnen, mir ein stabiles soziales und berufliches Netzwerk aufzubauen. In den ersten Jahren habe ich mich sehr stark auf meine Arbeit und den Aufbau meines Unternehmens konzentriert und dabei Freundschaften und persönliche Kontakte teilweise vernachlässigt.“

Zudem würde sie sich direkt zu Beginn professionelle Unterstützung für bestimmte Themen suchen, wie etwa steuerliche, rechtliche oder unternehmerische Fragen. Wichtig sei auch eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit. Gerade als Selbständige müsse man bewusst Grenzen setzen und sich selbst Erholungsphasen erlauben.

Liesa betrachtet New York inzwischen als ihr Zuhause. Sie kann sich gut vorstellen, dauerhaft dort zu leben – gleichzeitig will sie weiterhin offen für Veränderungen sein. So ist auch die Karibik noch nicht ganz aus ihren Gedanken verschwunden: Liesa spielt mit dem Gedanken, die Wintermonate künftig teilweise in der Karibik oder in Lateinamerika zu verbringen. New York soll jedoch der Lebensmittelpunkt bleiben.

Und Liesas Rat für (angehende) Auswanderer?

„Mein wichtigster Rat ist: Bereitet euch gut vor, aber wartet nicht darauf, dass alles perfekt ist, macht es einfach. Ein gewisses Grundverständnis für das neue Land, die Einreisebestimmungen und die wichtigsten organisatorischen Fragen sollte natürlich vorhanden sein. Viele Dinge lassen sich jedoch erst vor Ort wirklich verstehen.

Rückblickend hätte es mir das Leben sehr erleichtert, wenn ich eine vertrauenswürdige Person gehabt hätte, die mich bei praktischen Fragen unterstützt: Wie finde ich eine Wohnung? Welches Bankkonto ist geeignet? Welche Versicherungen brauche ich? Deshalb empfehle ich, frühzeitig Kontakte aufzubauen, um Rat zu fragen und Hilfe anzunehmen. Dabei geht es nicht nur um organisatorische oder berufliche Themen.“

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