Auswanderung nach Italien
Neustart in der ewigen Stadt
Wer – Stefanie (57) und Frederik (56)
Früherer Wohnort – Berlin
Ausgewandert nach – Rom, Italien
Zeitpunkt der Auswanderung – Mai 2026
Berufe – Stefanie ist Unternehmerin. „Ich habe in Berlin vor Ort in meiner Manufaktur-Parfumerie gearbeitet. Jetzt unterstütze ich meinen Geschäftspartner remote von Rom aus. Außerdem widme ich mich einem Buchprojekt: einer Biografie über eine Innenarchitektin in Zeiten des Bauhauses.
Frederik ist Journalist. „Ich habe bis Ende 2025 in Festanstellung beim Berliner Tagesspiegel gearbeitet. Nun bin ich freier Journalist, schreibe für Essays, Konzerteinführungen, Programmhefte, Klassik-Magazine – remote von Rom aus."
Umzug nach Rom: Die Erfüllung eines Traums
Nach vielen Jahren in Berlin haben sich Stefanie und Frederik für einen mutigen Neuanfang entschieden: Mit Mitte 50 verlegten sie ihren Lebensmittelpunkt nach Rom - als digitale Nomaden in der Lage, ihren Alltag weitgehend ortsunabhängig zu gestalten.
Der Schritt fiel nicht über Nacht, sondern war das Ergebnis eines lang gehegten Wunsches nach Veränderung. Neben dem milderen Klima und dem Wunsch, den kalten und dunklen Berliner Wintern zu entkommen, begeisterte sie vor allem die italienische Lebensart – geprägt von Herzlichkeit, Gelassenheit und einem freundlichen Miteinander.
Gut vorbereitet und mit einer eigenen Wohnung in Rom als Basis wagte das Paar den Neustart in Italien. Durch die EU-Freizügigkeit war kein Visum notwendig. Während Frederik bereits fließend Italienisch spricht, arbeitet sich Stefanie noch durch die Feinheiten der Sprache. Dank ausreichender Rücklagen konnten die beiden eine Eigentumswohnung im römischen Stadtteil Aurelio erwerben – und schon der Kauf der Wohnung war ein Abenteuer für sich.
Alles anders als in Deutschland
Wie haben Sie die Ankunft im neuen Land erlebt? Wie waren die ersten Eindrücke?
Die Ankunft im Viertel gleicht einem kleinen, unerwarteten Willkommensfest. Ob beim Bäcker, an der Pizzeria an der Ecke oder im Treppenhaus: Dass wir Berlin gegen Rom getauscht haben, wird von den Nachbarn fast wie eine Liebeserklärung an sie selbst aufgenommen.
Unser neues Zuhause in Aurelio hat unsere römischen Freunde überrascht; sie besuchten uns mit leiser Skepsis und gingen mit der positiven Erkenntnis, dass abseits der bekannten Pfade ein wunderbar lebenswertes Rom existiert.
Wie schnell haben Sie eine Wohnung gefunden?
Die Suche nach der richtigen Adresse lehrte uns rasch, dass die römische Bürokratie eine zutiefst menschliche Komponente besitzt: Der Versuch, Makler und private Anbieter per E-Mail zu kontaktieren, scheiterte kläglich an der digitalen Unverbindlichkeit. In Italien verlangt der Immobilienerwerb nach dem Klang der Stimme und dem persönlichen Kennenlernen von Angesicht zu Angesicht.
Nach gut drei Dutzend Besichtigungen und manchem Abgrund aus Sanierungsstau fanden wir schließlich das Objekt unserer Wahl. Wir fanden eine Wohnung, die mit bloßer Pinselsanierung aufgehübscht werden konnte, eingebettet in eine funktionierende Infrastruktur und mit großer Nähe zur Metro. In Aurelio kam schließlich alles zusammen, inklusive eines vernünftigen Preises: eine Wohnung in einem gepflegten Haus aus den späten sechziger Jahren – geadelt durch die Anwesenheit eines Portiers.
Welche Herausforderungen oder Schwierigkeiten sind Ihnen anfangs begegnet?
Wer glaubt, ein Wohnungskauf in Rom sei mit der Unterschrift beim Notar erledigt, unterschätzt den italienischen Staatsapparat. Der Weg zum unverzichtbaren Codice Fiscale führte uns über digitale Terminbuchungen direkt in die physische Realität römischer Amtsstuben, bewaffnet mit dem Vorvertrag als Legitimation unserer Absichten.
Es folgte die mühsame Kleinarbeit der Sesshaftigkeit: Verträge für Gas, Strom und Müllabfuhr ließen sich nicht einfach per Mausklick anfordern, sondern mussten in Geduldsproben am Telefon erkämpft werden – eine Prozedur, für die eine italienische Handynummer unerlässlich ist.
„Wir haben beschlossen, uns von dieser Stadt verzaubern zu lassen – in der festen Gewissheit, dass das Glück am Ende immer recht behält.“ |
Wie sieht Ihr heutiger Alltag im neuen Land aus (Arbeit, Familie, Freizeit)?
Das Arbeiten in Rom hat unseren Blick auf den Alltag grundlegend verschoben. Vor unseren Fenstern entfaltet sich ein Panorama aus dem täglichen Markttreiben, stolzen Zedern, Pinien und einem Kirchturm, dessen Geläut eher einer Melodie als einer Pflichtmeldung gleicht. Zwischen den Arbeitsphasen verlagert sich das Leben auf unseren großen Südbalkon oder in die nahegelegene Pineta Sacchetti für einen schnellen Spaziergang.
Und wenn der Kopf nach echter Weite verlangt, nutzen wir unser Jahresticket – ein römisches Wunder für gerade einmal vierzig Euro –, um die Gedanken auf dem Palatin oder dem Forum Romanum zu lüften. Wir genießen diese Symbiose aus Produktivität und mediterraner Lebenskunst in vollen Zügen. Unser Sohn studiert Archäologie im nahen Neapel; der Frecciarossa bringt uns in weniger als 80 Minuten zueinander.
Wie würden Sie Ihre soziale, sprachliche & kulturelle Integration beschreiben?
Wer in Rom wirklich ankommen will, muss lernen, die Welt mit den Augen der Römer zu sehen. Für uns bedeutet das eine wunderbare Phase des kollektiven Dazulernens. Um das hiesige Leben in seiner ganzen Tiefe zu durchdringen, durchforsten wir die Programme der Kulturinstitute und knüpfen systematisch neue Kontakte.
Vor allem aber studieren wir die lokalen Gepflogenheiten, die jeden Reiseführer Lügen strafen. Dass Blumen als Gastgeschenk verpönt sind – weil sie in der römischen Wärme zu rasch das Zeitliche segnen – und stattdessen ein anständiges Dolce aus der eigenen Küche erwartet wird, gehört zu diesen herrlichen Entdeckungen. Was uns noch am meisten Respekt abverlangt, ist die Dynamik der gemeinsamen Abende: Es wird mit einer Lautstärke und einer Gestikulation parliert, gegen die jede Berliner Tischrunde wie ein Schweigekloster wirkt. Ich bin noch beim Vokabellernen, aber die Lust am römischen Theater haben wir bereits verinnerlicht.
Was gefällt Ihnen besonders gut an Ihrem neuen Leben?
Der Berliner kultiviert das Ressentiment als Form des Charakters; jede Störung ist ihm ein persönlicher Angriff, der sofort amtlich weggeschimpft gehört. In Rom dagegen begreift man das Leben nicht als preußische Ordnung, sondern als fortlaufende, heitere Improvisation. Wo der Deutsche ein Problem verwaltet, findet der Römer eine Pointe – und rettet die Situation mit jener lässigen Eleganz, die man im Norden fälschlicherweise für Oberflächlichkeit hält, obwohl sie in Wahrheit die höchste Form der Lebenskunst ist.
Entdeckung einer neuen Leichtigkeit
Rückblickend hätten Stefanie und Frederik vieles direkter und weniger digital angegangen: Die intensive Online-Recherche über Immobilienportale erwies sich im Nachhinein als trügerisch, da sie die tatsächliche Realität des römischen Marktes nicht abbilden konnte. Erst der persönliche Kontakt zu Maklern und Vermittlern brachte sie wirklich weiter, denn: „In Rom kauft oder mietet man eben keine Quadratmeter, man verhandelt Lebensentwürfe bei einem Espresso.“
Auch den Immobilienkauf selbst beschreiben sie als komplexes, fast inszeniertes Verfahren mit klaren bürokratischen Etappen vom Angebot bis zum Notartermin, bei dem Erfahrung, Sprachkenntnisse und gute Vorbereitung entscheidend sind. Ihr Rat an zukünftige Auswanderer ist entsprechend eindeutig: Ohne Italienisch oder verlässliche Unterstützung vor Ort sei man in diesem System schnell überfordert.
Im Hinblick auf die Zukunft ist die Idee klar: „Wir haben uns vorgenommen, so lange in Rom zu bleiben, wie unsere Körper dieses süße Leben mittragen. Das klingt banal, aber in einer Stadt, die seit Jahrtausenden den Verfall feiert, ist es die einzig ehrliche Wahrheit. Möge das Schicksal uns hier einige gute, verschwenderische Jahrzehnte schenken – inmitten einer Ewigkeit, gegen die unsere eigene Vergänglichkeit ohnehin wie ein wunderbarer, flüchtiger Augenblick wirkt.“
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