Auswanderung nach Brasilien
Neustart im Einklang mit der Natur
Wer - Hansjörg und Rose
Ausgewandert nach – Samambaia (bei Lima Duarte), Minas Gerais, Brasilien
Ausgewandert aus – der Schweiz
Zeitpunkt der Auswanderung – Ende 2021 im Alter von 54 Jahren
Ehemaliger Beruf – Direct Dialoguer für die Naturschutzorganisation Pro Natura
Und heute? „Heute baue ich Obst und Gemüse an und verkaufe unsere Erzeugnisse an Händler in der Region. Außerdem kümmern wir uns um unsere Anwesen und die Vermietung von Vale Flor. Mit Brazil Horizon begleiten wir Menschen, die die Region kennenlernen und möglicherweise hier leben möchten. Ich bin auch Präsident des gemeinnützigen Vereins CRIAR und gebe Kindern aus dem Viertel Poço da Pedra Sprachunterricht.“
Von der kleinen Schweiz ins riesige Brasilien
Hansjörg wollte einen neuen Lebensabschnitt beginnen und wagte Ende 2021 gemeinsam mit seiner Frau Rose den Schritt raus aus Europa. Sie entschieden sich für Brasilien, wobei Roses brasilianische Herkunft eine wichtige Rolle spielte. Aber auch die beeindruckende Natur, die landschaftliche Vielfalt und das ganzjährig angenehme Klima machten das größte Land Südamerikas zu ihrer Wunschdestination.
Dank Roses Hilfe und bereits vorhandener Spanischkenntnisse fiel Hansjörg das Erlernen der portugiesischen Sprache relativ leicht. Mit einem Touristenvisum reiste er damals in seine neue Heimat ein, bekam jedoch aufgrund der Ehe mit Rose schnell eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung.
Schon während sie noch in der Schweiz wohnten, hatten die beiden ein Haus nahe der Kleinstadt Lima Duarte im Bundesstaat Minas Gerais gefunden; das Gebäude war allerdings stark renovierungsbedürftig und daher anfangs nicht bewohnbar. Glücklicherweise konnten die beiden für die Dauer der Renovierung bei Roses Mutter unterkommen.
Heute leben Hansjörg und Rose auf ihrem rund vier Hektar großen Anwesen, etwa 25 Minuten Autofahrt von Lima Duarte entfernt. Neben ihrem Wohnhaus befindet sich dort ein weiteres kleines Gästehaus, das sie sowohl für Besuche von Freunden nutzen als auch gelegentlich an Gäste über Airbnb vermieten.
Besonders wichtig bei der Auswanderung waren Hansjörg mehr Freiheit und die Möglichkeit, meinen Alltag selbst zu gestalten. Heute ist er sehr froh, diesen Schritt gewagt zu haben.
Ein Leben nach dem eigenen Rhythmus
Wie haben Sie die Ankunft in Brasilien erlebt?
„Besonders überrascht hat mich die Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Brasilianer. Selbst wenn sie einen noch gar nicht kennen, bieten sie einem gleich einen Kaffee und ein Stück Kuchen an. Diese unkomplizierte Herzlichkeit ist wirklich angenehm. Man fühlt sich willkommen.“
Welche Herausforderungen oder Schwierigkeiten sind Ihnen anfangs begegnet?
„Bei uns ist alles gut verlaufen, vor allem dank meiner Frau Rose. Sie ist außergewöhnlich gut darin, mit den zuständigen Personen zu sprechen, zu verhandeln und praktische Lösungen zu finden. Ihre Sprachkenntnisse und ihre Vertrautheit mit den örtlichen Abläufen waren eine große Hilfe.
Dabei wurde mir bewusst, wie wertvoll Unterstützung vor Ort sein kann. Genau deshalb möchten wir mit Brazil Horizon anderen Menschen bei sprachlichen und alltäglichen Fragen sowie bei der Orientierung helfen.“
Wie sieht Ihr heutiger Alltag aus?
„Ich verbringe viel Zeit draußen, im Wald und beim Anbau von Obst und Gemüse. Wir bauen biologisch an und können dank des milden Klimas das ganze Jahr über produzieren, auch im Winter. Rose ist eine hervorragende Köchin. Mit unseren eigenen Produkten bereitet sie wunderbare Gerichte zu. Wir leben vegetarisch und schätzen es, zu wissen, wie unsere Lebensmittel angebaut werden.
Ich fahre viel Fahrrad, besonders Mountainbike. Rose besucht Yogakurse vor Ort. In Lima Duarte gibt es auch Jiu-Jitsu, Bogenschießen, Joggen, Billard und Bowling. Viele Restaurants bieten unterschiedliche Spezialitäten an, etwa Sushi, Açaí oder Pizza. Oft kann man auf überdachten, windgeschützten Terrassen sitzen. Das Klima erlaubt es uns, sie das ganze Jahr über zu genießen. Auch die preiswerte Lieferung von Essen mit dem Motorrad funktioniert nach unserer Erfahrung ausgezeichnet.
Wir laden gerne Freunde nach Samambaia ein und empfangen gelegentlich Airbnb-Gäste, die die Ruhe und Natur genießen möchten.“
Wie haben Sie beruflich Fuß gefasst?
„Durch die Arbeit auf unseren Grundstücken und die Renovierungen haben sich nach und nach neue Möglichkeiten ergeben. Heute verkaufe ich Obst und Gemüse an Händler aus der Region. Die Erträge sind für mich finanziell interessant; manchmal fehlt mir sogar die Zeit, alles zu ernten. Deshalb suche ich einen Partner, der sich gemeinsam mit mir engagieren möchte, um das Potenzial von Samambaia und Vale Flor weiterzuentwickeln.
Vale Flor ist unser zweites Anwesen, etwa zehn bis fünfzehn Autominuten vom Zentrum entfernt. Es umfasst ungefähr drei Hektar mit einem Haupthaus, einem zweiten Haus mit zwei Studios und einer Werkstatt, einem Swimmingpool und einer mit Wasserkraft betriebenen Getreidemühle. Wir vermieten es auch an Menschen, die eine Niederlassung in Brasilien erwägen und zunächst die Region und den Alltag kennenlernen möchten.“
Wie erleben Sie Ihre finanzielle Situation heute im Vergleich zu vor der Auswanderung?
„Die Lebenshaltungskosten sind für mich deutlich niedriger als in der Schweiz. Dadurch habe ich mehr finanziellen Spielraum. Rückblickend glaube ich, dass ich über die Jahre mehr hätte sparen können, wenn ich früher gegangen wäre. Heute bin ich unabhängig und muss mich nicht nach vorgegebenen Arbeitszeiten richten.“
Wie würden Sie Ihre soziale, sprachliche und kulturelle Integration beschreiben?
„Die Gastfreundschaft der Menschen und Roses Unterstützung haben mir sehr geholfen. Ich spreche mehrere Sprachen und lerne mit ihrer Hilfe Portugiesisch. Als Präsident von CRIAR gebe ich Kindern aus Poço da Pedra Sprachunterricht. So kann ich meine Kenntnisse weitergeben und mich vor Ort einbringen. Gleichzeitig schätze ich unser ruhiges Leben in Samambaia.“
Was gefällt Ihnen besonders gut an Ihrem neuen Leben?
„Vor allem die Freiheit und die Nähe zur Natur. Ich kann meinen Tagesablauf selbst gestalten, viel draußen sein und das milde Klima genießen. Die Nächte im Frühling und Sommer sind manchmal magisch: Tausende Glühwürmchen sorgen für ein beeindruckendes Schauspiel. Wir haben eine eigene Wasserquelle; das frische, ungechlorte Wasser macht selbst das Duschen für mich zu einem besonderen Erlebnis.
Ich bereue auch nicht, dass wir uns für Lima Duarte und nicht für Rio de Janeiro oder einen anderen Ort direkt am Meer entschieden haben. Nach meiner persönlichen Erfahrung ist das Leben hier deutlich günstiger als in den großen touristischen Zentren, und ich fühle mich hier viel sicherer. Gleichzeitig kann ich den Strand mit dem Auto in etwa drei Stunden erreichen. So kann ich das Meer genießen, wenn ich möchte, und anschließend wieder in unseren ruhigen Alltag in Lima Duarte zurückkehren. Für mich ist das die richtige Kombination.“
Vermissen Sie bestimmte Aspekte aus Ihrem vorherigen Leben in der Schweiz?
„Mir fehlen die hervorragend ausgebauten und zuverlässigen öffentlichen Verkehrsmittel. Auch die Sauberkeit, die gute Organisation und der respektvolle Umgang mit der Natur, den ich dort erlebt habe, fehlen mir manchmal. Das ist auch ein Grund, weshalb ich das zurückgezogene Leben in Samambaia gewählt habe. Hier finde ich die Ruhe und Naturverbundenheit, die mir wichtig sind.“
Haben sich Ihre anfänglichen Erwartungen und Hoffnungen erfüllt?
„Ja, für mich haben sie sich erfüllt. Ich fühle mich heute viel freier und bin mit unserem Leben hier sehr zufrieden. Abgesehen davon, Kinder bekommen zu haben, war der Umzug nach Brasilien die beste Entscheidung meines Lebens.“
Was betrachten Sie rückblickend als Ihre größten Erfolge?
„Besonders wertvoll ist für mich, was Rose und ich hier gemeinsam aufgebaut haben. Die Renovierung der Häuser und die vielen praktischen Arbeiten haben mir unglaublich viel beigebracht. Ich lerne jeden Tag etwas Neues. Auch der Anbau, meine Arbeit mit CRIAR und der Unterricht mit den Kindern bereichern mein Leben.
Ich empfinde hier mehr Spielraum, eigene Ideen umzusetzen. Ein persönliches Beispiel: In der Schweiz wollte ich ein Baumhaus bauen, konnte das Vorhaben aber wegen der erforderlichen Baubewilligung nicht verwirklichen. Hier würde ich ein solches Projekt gerne für meine Enkel umsetzen, wenn sie noch klein wären. Bei vielen Vorhaben erlebe ich die administrativen Hürden persönlich als geringer. Ich sehe Möglichkeiten für mehrere unternehmerische Projekte und habe viel Lust, Neues auszuprobieren.“
Welche konkreten Tipps oder Ratschläge würden Sie angehenden Auswanderern geben?
„Schiebt einen ernsthaften Wunsch nicht bis zum Lebensabend auf. Lernt das Land und den Alltag vor Ort kennen und prüft, ob dieses Leben zu euch passt. Dann braucht es auch den Mut, eine Entscheidung zu treffen. Für mich persönlich bedeutet weiteres Warten, wertvolle Lebenszeit zu verlieren.
Ein Umzug heißt außerdem nicht, Familie und Freunde in Europa für immer zurückzulassen. Die heutigen Flugverbindungen ermöglichen Besuche. Man kann seine Angehörigen sehen und danach in das zurückkehren, was für mich mein kleines Paradies geworden ist.“
Die beste Entscheidung seines Lebens
Es gibt nur eine Sache, die Hansjörg heute bereut: Dass er nicht früher nach Brasilien gezogen ist. Er beschreibt sein Leben auf dem südamerikanischen Kontinent als freier und angenehmer. Für ihn ist klar, dass er für den Rest seines Lebens hierbleiben möchte. Eine dauerhafte Rückkehr nach Europa kann er sich nicht vorstellen.
Gemeinsam mit seiner Frau unterstützt er heute Menschen, die auch nach Brasilien auswandern möchten. Dafür haben sie Brazil Horizon gegründet und bieten mit Vale Flor zudem eine temporäre Unterkunft für die erste Zeit im neuen Land.
Und auch darüber hinaus haben Hansjörg und Rose noch diverse Ideen und Pläne: „Im gemeinnützigen Verein CRIAR möchten wir auch Möglichkeiten für internationale Freiwillige prüfen. Ein Aufenthalt für eine ernsthafte ehrenamtliche Tätigkeit könnte je nach persönlicher Situation eine Option sein. Die Voraussetzungen und der passende Aufenthaltsstatus müssten jeweils vorab mit den zuständigen Stellen geklärt werden. Eine Zusage für ein Visum können wir nicht geben.
Für die Weiterentwicklung von Vale Flor und Samambaia freue ich mich außerdem über den Kontakt zu Menschen, die sich praktisch einbringen und gemeinsam etwas aufbauen möchten.“
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